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Es Rettela * 1869

Wer kannte sie nicht? Die kleine quicklebendige Frau, die über zwei Generationen in der „Süßwarenbranche“ tätig war. Das „Schulrettela“ war vor mehr als 50 Jahren ein Begriff. Es gab keinen Marktzeulner Markt, keinen Lichtenfelser Christkindlesmarkt, keine Kirchweih im „Grund“, in Schwürbitz, in Lettenreuth, in Neuensee, wo nicht das „Rettela“ mit ihrem Zuckerstand zur Stelle war.  Im „Grund“, drüben in den Bauerndörfern jenseits des Maines, begann sie als 15jährige Dürrobst feilzubieten.
Der Vater war durch Unglücksfall jäh aus dem Leben gerissen worden, die Mutter stand mit den Kindern allein. Da musste die Älteste versuchen, ein paar Kreuzer zu verdienen. Und ihr Versuch gelang. 55 Pfennig Verdienst brachte sie m ersten Tag mit nach Hause.
Die Mutter war überglücklich vor Freude. Und das „Rettela“, deren Großmutter einst die Schule, das spätere Rathaus und das  heutige Sparkassengebäude, in Ordnung hielt – daher die „Schulrettl“ – ließ von da an nicht mehr ab von ihrem „Geschäft“. Klein und bescheiden wie diese lebenstüchtige Frau war, so auch ihr Verkaufsstand. Aber was es an Neuheiten in süßen Sachen durch die Jahrzehnte gab, das bot sie feil. Waren es in früheren Jahren die Mandelkerne, das Hasenbrot oder was sonst auch immer, so war es dann in den 50iger Jahren der Kaugummi, der Mohrenkopf und wer weiß was noch alles, Hunderten von Marktbesuchern war sie bekannt. Und wenn nicht allen vom Namen, so zumindest von Angesicht. Denn immer hatte sie ihren festen, durch weitreichende Tradition „geheiligten“ Standort.
Vielen ist sie damals auch begegnet mit ihrem „Beckenkörbchen“, mit dem sie einst hausieren ging und mit dem sie bis in den 50erJahren genauso wie in alten Zeiten noch immer hinunter nach Lichtenfels pilgerte, um ihren „Bestand“ neu aufzufüllen. Anlässlich ihres 85. Geburtstages erinnerte man sich 1954 in einem Zeitungsartikel (u.a. Lichtenfelser Tagblatt) an ihre  70-jährige Berufstätigkeit. Die alte Frau verkörperte damals bereits ein Stück guter alter Heimat, mit ihrer urwüchsigen Tätigkeitsfreude und unverwüstlichen Gesundheit.
Ein altes Zeitungsfoto (zwar schwache Qualität), dürfte manchem älteren Bürger altvertraute Welt und Kinderseligkeit bedeuten: Eine Kirchweih nimmt soeben ihren Anfang. Das Karussell dreht die ersten Proberunden und lockt die ersten kleinen Gäste an – da hatte das „Rettela“ bereits ihr Ständchen aufgeschlagen.  Das „Rettela“ wohnte im Anwesen Erhard-Vogel-Straße 11.

Diese Karte bezeichnet eine “Kirchweih im Grund”, allerdings ist eindeutig zu erkennen, dass das Karussel vor dem Schwürbitzer Rathaus steht. sam