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Tag 4

Der geflochtene Anzug

oder „Was davon übrig blieb“

Im Korbmuseum von Michelau werden unter anderen Kuriositäten, auch ein geflochtener Spazierstock, ein Korsett, aus feinem Rohr gefertigt und ein geflochtener Zylinderhut gezeigt. Von Diesem erzählten die Michelauer eine unwahrscheinliche Geschichte. Im vorigen Jahrhundert (19.), als die Korbflechtkunst in hoher Blüte stand, galt es als Ehre für die geistig regen Korbmacher, immer neue Modelle zu erfinden. Ein Schwürbitzer wollte die Michelauer Korbmacher ausstechen, man könnte auch übertrumpfen sagen und kam auf den Gedanken, auch Kleidungsstücke aus feinem Korbmaterial anzufertigen.

So machte sich nun der Schwürbitzer Korbmacher daran, einen Anzug, bestehend aus Jacke, Hose und Hut zu flechten. Das Werk gelang und die geflochtenen Kleidungsstücke passten auch, so dass sich der eifrige und geschickte Korbmacher von Schwürbitz nach Lichtenfels aufmachte um einem dortigen Korbhändler sein neues Muster vorzuführen. Der Händler betrachtete zwar voller Interesse das Flechtwerk, konnte sich aber nicht entschließen, eine größere Menge davon zu bestellen. Enttäuscht und gekränkt über diese Missachtung seiner Arbeit ging der Korbmacher zum Lichtenfelser Bezirkshauptmann, der das Werk gleichfalls bestaunte und dem tüchtigen Mann einen Taler schenkte. Darauf machte sich der Erfinder des neuen Anzugs auf den Heimweg in Richtung Schwürbitz. Auf dem Wege musste nun der Korbmacher am eigenen Leib feststellen, dass er doch nicht das richtige Material für den Anzug gewählt hatte, denn seine Haut war an zahlreichen Stellen aufgerieben. Es ging soweit, dass er sich den Anzug auszog und in Unterwäsche über die Wiesen nach Hause schlich. Über das Gespött seiner Kollegen brauchte er in den nächsten Wochen keine Bange zu haben.

Anmerkung: So oft, wie der Schreiber dieser Geschichte „Schwürbitz“ erwähnt, lesen wir hier mit ziemlicher Sicherheit eine Glosse, in der der Spott, der früher stark rivalisierenden Orte, übereinander heraus gearbeitet wurde. Heute schmunzeln wir darüber. Auf jeden Fall wissen wir jetzt, was es mit dem geflochtenen Hut auf sich hat: Schwörbetze Erfindungsgeist! sam

Dieser Beitrag ist aus dem heimatkundlichen Archiv von A. Walther, Hochstadt, veröffentlicht in „Der Landkreis Lichtenfels in Geschichte und Geschichten 1982, entliehen.