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Volkstrauertag – Rede von 2. Bürgermeister Hans-Georg Borchert und sein persönliches Schlusswort

Wer kann sich erinnern, am Kriegerdenkmal beim Volkstrauertag-Gedenken schon mal Applaus gehört zu haben?
Heute war es soweit. Lest selbst …..


Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, sehr geehrte Geistlichkeit.

Wir stehen heute zusammen, um zu gedenken.

Der Volkstrauertag ist ein Tag der Stille – aber nicht des Schweigens.
Er ist ein Tag des Erinnerns – aber auch des Nachdenkens.
Wir gedenken der Opfer von Krieg, Terror, Diktatur und Gewalt.


Wir erinnern an die Millionen Männer, Frauen und Kinder, die ihr Leben verloren haben

  • in den Schützengräben,
  • in den Lagern,
  • auf der Flucht,
  • unter Bomben,
  • in den Ruinen zerstörter Städte.

Dieser Tag ist mehr als nur ein Datum im Kalender; es ist ein Ausdruck unseres kollektiven Gedächtnisses und ein Akt der Verantwortung für die Zukunft.


Wir sind hier, um der Verstorbenen zu gedenken und zugleich zu reflektieren, was ihre Schicksale für uns bedeuten – nicht nur als Individuum, sondern als Gesellschaft.
An einem solchen Tag spüren wir besonders intensiv die Schatten der Vergangenheit, während wir gleichzeitig mit den Herausforderungen der Gegenwart konfrontiert werden. Dieser Tag richtet sich an uns – an unsere Verantwortung hier und heute.

Die Welt um uns herum ist nicht nur geprägt von den Erinnerungen und den Schrecken vergangener Konflikte, sondern auch von den schmerzlichen Realitäten aktueller Auseinandersetzungen. Wir müssen leider realisieren, dass der Frieden, den wir so lange für selbstverständlich hielten, wieder brüchig geworden ist.

  • In der Ukraine kämpfen Menschen ums Überleben, weil ein Aggressor glaubt, Grenzen mit Gewalt verschieben zu dürfen.
  • Im Nahen Osten leiden unschuldige Zivilisten unter Bomben und Raketen, weil Hass und Rache die Menschlichkeit verdrängt haben.
  • Und auch in anderen Teilen der Welt – im Sudan, in Syrien, in Myanmar –

sehen wir, wie schnell aus Worten Gewalt, wie schnell die mehr spaltende als vereinende Rhetorik von Führern zu Feindseligkeit werden kann.

Viele Menschen spüren:
Diese Welt scheint aus den Fugen zu geraten.
Die Gewissheiten wanken.

Und die Frage, die sich viele stellen, lautet:
Können wir überhaupt noch Hoffnung haben?

Können wir überhaupt noch an das Gute glauben, wenn Krieg, Lügen und Hass zur Tagesordnung werden?
Wenn Populisten wie Trump oder Putin die Weltordnung ins Wanken bringen?

Wenn in unserem eigenen Land wieder einer Partei applaudiert wird, die das Fundament unserer Demokratie angreift?


Ich sage, Ja, wir können und wir müssen sogar!

Aus Schmerz und Trauer kann die Hoffnung auf Stärke und Zusammenhalt erwachsen.

„Die Dunkelheit kann das Licht nicht auslöschen“, schrieb der große Martin Luther King. In Anbetracht dessen, dürfen wir uns nicht von Angst und Verzweiflung leiten lassen. Wir haben nicht nur die Möglichkeit, sondern auch die Pflicht und Schuldigkeit, dieser Hoffnung Nährboden zu geben!

Wir leben in einer Zeit, in der klare Worte und Taten gefragt sind.

  • Lasst uns deshalb gemeinsam gegen die Lügen und die Spaltung ankämpfen, die sich in unseren Gesellschaften breitmachen.
  • Lasst uns zusammen sichtbar machen, dass Frieden kein Zufall ist, sondern das Ergebnis eines ständigen Dialogs und des Willens zur Verständigung.

Wenn wir die Stimmen der Hoffnung und der Versöhnung stärken, dann können wir der Verzweiflung entgegenwirken, die uns oft so mutlos macht.

Wir leben in einer Demokratie, die aus den Trümmern zweier Weltkriege geboren wurde.

Unsere Freiheit, unser Wohlstand, und unser Frieden – sie sind nicht selbstverständlich.

Sie sind das Ergebnis von Mut, Vernunft und Zusammenarbeit. Aber – sie sind auch verletzlich. Und – sie werden bedroht – von außen – aber auch von innen.

In den letzten Jahren mussten wir leider erleben, dass Radikale und extremistische Parteien und deren Mitglieder wieder lauter werden.

  • Parteien, die einfache Antworten versprechen auf komplexe Fragen.
  • Parteien, die Angst und Wut als politische Waffe benutzen.
  • Parteien, die spalten statt verbinden.

Ich möchte es hier klar und deutlich sagen:
Wenn in unserem Land Parteien und Politiker Zulauf bekommen,

  • die Hass säen,
  • die Minderheiten ausgrenzen,
  • die Europa schwächen,
  • und unsere Demokratiezerstören wollen

dann können und dürfen wir das nicht achselzuckend hinnehmen.

„Nur die dümmsten Rindviecher wählen ihren Schlächter selber.“

Dieses alte Sprichwort klingt hart – und das soll es auch. Doch damit ich hier nicht falsch verstanden werde, Dummheit in diesem Zusammenhang soll nicht etwa heißen, dass jemand nichts weiß, nichts kann oder einer bestimmten sozialen Schicht zugeordnet wird.

Dummheit bedeutet hierbei die eigene Meinung nicht zu ändern, auch wenn die Fakten klar dagegensprechen und die Forschung eindeutige Gegenbeweise liefert.

Dumm ist hier der, der sich gegenüber der Wahrheit verschließt, obwohl die Wirklichkeit etwas anderes zeigt.

Diese Dummheit, liebe Freunde, ist gefährlich – und wir erleben es leider jeden Tag – durch Verschwörungstheorien und Lügen

  • über Klimawandel,
  • über Flüchtlinge,
  • über Europa und
  • über die Presse.

Wie also hält man da dagegen?
Mit Beschimpfung? Mit Überheblichkeit? Mit Resignation?

Nein, das wäre zu einfach – und – es wäre falsch.
„Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen möchtest“, sagte Mahatma Gandhi.

Deshalb – lasst uns aktiv werden.

Lasst uns mit Kommunikation, mit Empathie
und mit Argumenten überzeugen.

Lasst uns zuhören – auch da, wo es schwerfällt.
Lasst uns andere Meinungen respektieren, auch wenn wir nicht einverstanden sind.
Aber – lasst uns nicht schweigen, wenn Unwahrheit zur Meinung und Unrecht zu Recht erklärt wird.

Wir müssen uns darauf besinnen, dass die Stärke der Demokratie nicht darin liegt, alles zu akzeptieren.

Die Stärke der Demokratie liegt darin, dass wir einen Weg finden, miteinander um die beste Idee, den richtigen Weg und die sinnvollste Lösung zu streiten.

Damit wir hierbei auf die unterschiedlichsten Stimmen hören – und letztendlich einen Kompromiss finden, der uns allen dient – und nicht nur wenigen. Das gilt für die große Politik genauso, wie für unserer Gemeinde!

Und genau das unterscheidet Demokraten von Populisten:
Demokraten streiten, um Lösungen zu finden.
Populisten streiten, um zu spalten.

  • Viele dieser populistischen Parteien
    leben vom Streit – nicht von der Lösung.
  • Sie mobilisieren mit Wut – nicht mit Verantwortung.


Und wenn ich dann immer wieder höre, dass jemanden saget:

„Ja, dann lasst sie doch mal regieren, soo schlimm wird´s schon nicht werden.“
dann weiß derjenige offensichtlich nicht, was auf dem Spiel steht.


Denn was auf dem Spiel steht, ist kein politisches Programm – es ist unsere Demokratie ansich.

Denn – und das sollten wir nie vergessen:

Ein Faschist, der demokratisch gewählt wurde, ist und bleibt ein Faschist.

Und deshalb:

Man wählt keine Faschisten!!

  • Nicht aus Frust
  • Nicht aus Wut
  • Nicht aus „Spaß“
  • Nicht aus „Protest“
  • Und nicht weil´s „cool“ ist.

Faschismus beginnt nicht mit Lagern und Krieg. Er beginnt schleichend:

  • Mit Spaltung, Lügen, Hetze
  • Mit dem Normalisieren von Gewalt und des Unsagbaren
  • Mit dem Schüren falscher Ängste!

Wir sollten uns immer bewusst sein: Demokratie ist kein Geschenk. Sie ist kein Projekt „von denen da oben in Berlin“.

Demokratie beginnt hier –

  • in unseren Gemeinden,
  • in unseren Vereinen,
  • in unseren Schulen,
  • in unseren Familien.

Sie lebt von Menschen, die mitmachen, die Verantwortung übernehmen, die Fragen stellen und auch mal den Finger in die Wunde legen.

Und ja – sie lebt auch von Politikerinnen und Politikern, die sich öfter mal daran erinnern sollten, wofür sie eigentlich gewählt wurden:

  • Nicht für ihre Eitelkeit,
  • nicht für ihre Macht,
  • nicht für den eigenen Vorteil
  • sondern – für die Menschen.

Und dies gilt für den Bundestag genauso wie für den Gemeinderat, für Minister genauso wie für Bürgermeister.

Wir sind gewählt um Brücken zu bauen und nicht um Mauern – zu errichten.

Wir sind gewählt, um zu dienen, nicht, um uns bedienen zu lassen oder zu herrschen.

Liebe Schwürbitzerinnen und Schwürbitzer,

es ist leicht, in diesen Zeiten zu verzweifeln. Aber Verzweiflung war noch nie ein guter Ratgeber. Unsere Eltern und Großeltern sind nach dem Krieg nicht verzweifelt, obwohl sie allen Grund dazu hatten. Sie haben ihre und unsere Zukunft wieder aufgebaut – Stein für Stein, Vertrauen für Vertrauen.

Denn sie wussten:
Nur wer an die Zukunft glaubt, der hat auch eine.

Heute ist unser Auftrag ein anderer – aber nicht geringer:
Wir müssen den Frieden bewahren.
Wir müssen die Demokratie verteidigen.
und – wir müssen den Hass entwaffnen – durch Mut – durch Menschlichkeit – durch Haltung – durch positive Gedanken.

Hannah Arendt hat einmal gesagt:

„Niemand hat das Recht zu gehorchen.“

Das klingt paradox – aber es trifft den Kern:


Demokratie braucht Menschen,

  • die positiv denken,
  • die fragen,
  • die widersprechen, wenn Unrecht geschieht – auch wenn es unbequem ist.


Wer heute schweigt, wenn Lügen laut werden,
trägt morgen Verantwortung, wenn die Wahrheit verstummt.

Darum ist der Volkstrauertag mehr als nur ein Tag des Gedenkens.


Er ist eine Mahnung – und ein Auftrag.

Er ruft uns alle dazu auf, Haltung zu zeigen.

Haltung

  • gegen Gleichgültigkeit,
  • gegen Hass,
  • gegen Spaltung.

Wie mein Vater mir, so möchte ich als Erwachsener, als Lehrer und als Mensch ein Vorbild für meine Kinder sein und ihnen zeigen, dass man mit Respekt immer weiterkommt als mit Hass.

Ich wünsche mir für meine Kinder und für die Gesellschaft, eine Welt, in der Respekt, Wertschätzung, Freiheit, Demokratie und Toleranz selbstverständlich sind.

In dem Lied „Imagine“ von dem großartigen John Lennon, hat dieser von einer imaginären, idealen Welt gesungen, – einer Welt,

  • in der alle Völker in Frieden miteinander leben würden
  • in der es keine Grenzen gäbe
  • es nichts gäbe, für das man tötet –
  • in der es keine Habgier und keinen Hunger gäbe
  • in der alle Menschen wie Brüder wären und sich die Welt teilen würden.

Das Lied hat den Refrain:
Vielleicht nennst du mich einen Träumer,
aber – ich bin nicht der Einzige.

Ich hoffe, dass du eines Tages dazugehörst  und die Welt eins sein wird.

Liebe Freunde!

Lasst uns doch alle dazugehören und ein bisschen mehr Träumer sein. Lasst uns dazu beitragen, dass diese imaginäre Welt zumindest in kleinen Teilen eine Reale werden kann.

Lasst uns mit neuem Mut und Optimismus weitermachen. Nicht ängstlich, nicht verzagt, sondern entschlossen und menschlich.

Lasst uns diese Verantwortung tragen,

für uns,

für unsere Kinder,

für Europa

und für unsere Welt.

Denn:

Frieden, Freiheit und Demokratie sind nicht alles –

Aber ohne Frieden, Freiheit und Demokratie – ist alles nichts!!

Schluss:

Bitte gestatten Sie mir zum Schluss noch kurz ein paar persönliche Worte, auch wenn meine Rede wahrscheinlich länger war als die Predigt.

Dieser Volkstrauertag ist für mich ein besonderer. Es ist, wenn nichts außergewöhnliches mehr passiert, die letzte Ansprache, die ich in meiner Funktion als Zweiter Bürgermeister und Gemeinderat an Sie richte.

Deshalb möchte ich mich nochmals persönlich bei Ihnen allen, aufs herzlichste bedanken und darf ehrlich sagen: Es war mir immer eine große Ehre und ein tiefes Privileg, dass ich dieses Amt ausüben und in dieser Funktion am Volkstrauertag in den vergangenen vier Jahren hier teilnehmen durfte.

Ich habe in dieser Zeit unglaublich viele wunderbare Menschen kennenlernen – Menschen mit Herz, mit Engagement, mit Ideen und mit einer großen Liebe zu unserer Heimat.

Ich habe viele bereichernde Gespräche geführt, gemeinsam mit Ihnen diskutiert, gelacht, manchmal auch gerungen – aber dabei immer gespürt, dass es uns allen um das Gleiche geht: um das Wohl unserer Gemeinde, um den Zusammenhalt und um das Miteinander.

Diese Erfahrungen, diese Begegnungen und diese gemeinsamen Momente werde ich stets in sehr guter Erinnerung behalten. Sie haben mich, so darf ich sagen, geprägt und bereichert.

Zum Abschluss wünsche ich Ihnen und uns allen, dass wir auch weiterhin mit Zuversicht, gegenseitigem Respekt und positiven Gedanken in die Zukunft blicken. Dass wir in allem, was wir tun, das Verbindende über das Trennende stellen, dass wir die vielfältigen Festlichkeiten mit Spaß genießen können – und dass wir vielleicht manchmal etwas leiser und überlegter urteilen, dafür aber umso mehr zuhören.

Ich wünsche Ihnen allen, Gesundheit, innere Ruhe, Frieden im Herzen, einen schönen, friedvollen Sonntag im Kreis Ihrer Familien und eine, bald anstehende frohe Vorweihnachtszeit!

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