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Rede von Hans-Georg Borchert zum Volkstrauertag

Unser Zweiter Bürgermeister Hans-Georg Borchert hat bei der Gedenkfeier am Kriegerdenkmal eine bemerkenswerte Rede gehalten. Zu wenige haben sie gehört, so dass wir hier Gelegenheit zum Nachlesen geben.
Eure s.de-Redaktion.
SF

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, sehr geehrte Geistlichkeit!
Wir stehen heute hier zusammen, um der Toten zu gedenken. Der Volkstrauertag führt uns die unzähligen Opfer von Krieg und Gewalt vor Augen – die gefallenen Soldaten, die getöteten Zivilisten, die Opfer von Diktaturen, die Menschen, die durch Terror und Gewalt ihr Leben verloren haben. Dieser Tag mahnt uns, wie zerbrechlich Frieden und Freiheit sein können. Doch der Volkstrauertag erinnert uns nicht nur an das Leid der Vergangenheit – er fordert uns auf, den Blick auf die Gegenwart zu richten und unsere Verantwortung für die Zukunft wahrzunehmen.

Die Welt, in der wir heute leben, ist voller Unsicherheiten. Krisen gehören zur menschlichen Geschichte, das wissen wir. Es gab sie immer, und es wird sie immer geben. Gerade die letzten Tage haben uns das deutlich vor Augen geführt. Das Gefühl, dass die Welt aus den Fugen gerät, wird immer stärker. In den USA wird ein verurteilter Straftäter, Narzisst und Klimaleugner zum Präsidenten gewählt, hier in Deutschland zerbricht die Regierungskoalition in peinlichster Art und Weise und der Krieg in der Ukraine ist nicht mehr nur ein Konflikt in weiter Ferne, sondern eine Realität, die Europa, unsere Nachbarn und letztlich auch uns betrifft. Dies zeigt, wie fragil Frieden ist. Und dieser Frieden, den wir in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg als selbstverständlich angesehen haben, steht nun wieder auf dem Spiel.

Zusätzlich erleben wir in vielen Teilen der Welt, dass Extremismus und Gewalt zunehmen. Im Nahen Osten agieren Hamas und Palästinenser mit brutaler Gewalt gegen Israel und dieses antwortet mit ebensolchen radikalen Mitteln. Die Gewaltspirale scheint sich immer weiter zu drehen, und ein Ende ist nicht in Sicht.
Hier wird uns deutlich, wie tief der Hass zwischen Völkern und Religionen sein kann und wie schwer es ist, einen Weg zum Frieden zu finden. Auch bei uns spüren wir die Auswirkungen von Krisen und Konflikten. Es gibt tiefe Gräben zwischen unterschiedlichen politischen Lagern, zwischen den Generationen, zwischen Stadt und Land, innerhalb der Gemeinden.

Viele Menschen in unserer Gesellschaft fühlen sich überfordert, sind desillusioniert, fühlen sich nicht gehört, nicht verstanden und haben das Vertrauen verloren – in die Politik, in das System, ineinander. Und trotzdem oder gerade deswegen müssen wir uns bewusst werden, dass wir uns nur gemeinsam der Realität stellen können.

Ja, die Zeiten sind schwer. Deshalb brauchen wir, gerade in der heutigen Zeit, starke politische Persönlichkeiten. Wir brauchen keine Schreihälse, niemanden der uns das Blaue vom Himmel verspricht, keinen großen Zampano. Wir benötigen Politiker, die einhalten, wofür sie angetreten und gewählt worden sind. Und, Sie müssen endlich die Dinge anpacken, die uns allen unter den Nägeln brennen. Egal ob in der Bundes-, Länder- oder Regionalpolitik.

Sie haben einen Dienst zu erledigen! Und es geht hier nicht um sie als Person, es geht um die Fähigkeiten in Bezug auf das entsprechende Amt. Sobald sie davon abkommen und sie sich als Person wichtiger nehmen als ihr Amt, verlieren sie ihre Legitimation. Das Ergebnis: Sie fühlen sich unnahbar, ertragen keine Kritik und fürchten sich vor unpopulären Entscheidungen. Doch gerade heute benötigen wir dringend Menschen, die den Mut haben, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
Das werden und sind keine einfachen Wahrheiten, doch wir dürfen ihnen nicht aus dem Weg gehen. „Demokratie ist nicht bequem,“ sagte Willy Brandt, „aber sie ist die beste Form des Zusammenlebens.“ Genau diese Demokratie gerät ins Wanken, wenn Menschen ihren Lebensstandard sinken sehen, ohne dass sie das Gefühl haben, Teil der Lösung zu sein.

Die Geschichte hat uns gezeigt, dass wirtschaftliche Probleme immer auch eine Gefahr für die Demokratie darstellen. In Zeiten dieser Unsicherheiten und Krisen wächst die Angst, und mit ihr wächst auch die Sehnsucht nach einfachen Antworten. Und das macht den Boden fruchtbar für Populisten und Extremisten, die schnelle Lösungen versprechen, ohne dass sie realistisch sind.

Dies betrifft natürlich auch das Thema Migration. Deutschland ist ein wohlhabendes Land, und es ist wichtig, dass wir Menschen in Not helfen. Aber wir müssen auch ehrlich sein: „Kein Land kann unbegrenzt Flüchtlinge aufnehmen,“ sagte der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt. Denn dies führt unweigerlich zu Problemen und dieser Realität dürfen wir uns nicht verschließen. Wir stehen vor der Herausforderung, humanitäre Verantwortung mit den begrenzten Ressourcen unserer Gesellschaft in Einklang zu bringen. Das ist keine leichte Aufgabe, aber es darf nicht darum gehen Schuldige zu suchen, sondern gemeinsam tragfähige Antworten zu entwickeln.

Doch es geht nicht nur um politische Entscheidungen. Es geht auch um unsere Einstellung als Gesellschaft, um den Umgang untereinander. Wir müssen uns fragen: Wie gehen wir miteinander um?
Haben wir als Gesellschaft das Gefühl füreinander verloren? Es scheint manchmal so, als sei die Fähigkeit, gemeinsam nach Lösungen zu ringen, in Vergessenheit geraten.

In dem politischen Diskurs herrscht oft ein Ton der Unversöhnlichkeit. Es wird schlicht und einfach, nicht mehr zugehört. Immer häufiger müssen wir erleben, dass politische Diskussionen nicht mehr dem Austausch von Argumenten dienen, sondern dass es nur noch darum geht, die eigene Position zu verteidigen oder andere herabzuwürdigen. Blockaden und Abstimmungen nur des Prinzips wegen bzw. gegen eine Person, sind an der Tagesordnung.

Doch so geht uns die Fähigkeit verloren, konstruktiv über unterschiedliche Ansichten zu sprechen, Gemeinsamkeiten zu finden und Lösungen zu erarbeiten. Es wird aneinander vorbeigeredet, nur um in der Öffentlichkeit besser dazustehen.

Dieser Mangel an echtem Austausch fördert den Vertrauensverlust und führt zu einer weiteren Polarisierung in der Gesellschaft. Es gibt immer weniger Raum für Zwischentöne, für Kompromisse und für den Versuch, die andere Seite zu verstehen. Dabei ist genau dieser Raum so wichtig für eine funktionierende Demokratie.

Denn Demokratie lebt doch gerade vom Dialog, von der Auseinandersetzung mit und der Akzeptanz von unterschiedlichen Meinungen. Doch wenn der Dialog abbricht, wenn nur noch in Extremen gedacht wird, dann ist die Demokratie in Gefahr.

Es ist doch so wichtig, dass gemeinsam Lösungsansätze gesucht und Lösungsideen aufgezeigt werden. Denn trotz aller Probleme können wir es uns nicht leisten, in Depression und Pessimismus zu verfallen.

Dadurch würden wir den skrupellosen Vereinfachern von rechts und links voll in die Hände spielen. Und es gibt noch gute Nachrichten!

  • Im ersten Halbjahr 2024 wurde in Deutschland soviel erneuerbarer Strom erzeugt wie noch nie zuvor, sein Anteil liegt bei 65%
  • Ab 2025 sollen die Renten um 3,5% steigen
  • Nach den neusten Umfragen, würden über knapp ¾ der Wähler momentan demokratische Parteien wählen
    Durch diese Beispiele erkennt man doch, dass es uns hier in Deutschland nicht so schlecht geht, wie es von manchen Seiten immer wieder propagiert wird.

Diesen Schwarzmalern dürfen wir nicht den Raum überlassen, indem sie ihre einfachen, aber gefährlichen Antworten anbieten. „Der Faschismus beginnt dort, wo das Vertrauen in die Demokratie endet,“ sagte der Historiker Timothy Snyder. Es liegt an uns allen, dieses Vertrauen zu erhalten und die Demokratie zu verteidigen.

Wir brauchen ein neues Verantwortungsbewusstsein, einen sogenannten Kennedy-Moment: „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst.“

Die Krakeeler von rechts und links versuchen uns einzureden, dass unser System am Ende ist. Sie behaupten, dass unsere Demokratie nicht mehr funktioniert, dass sie zu schwach ist, um die Herausforderungen der Gegenwart zu bewältigen. Aber das ist eine Lüge. Diese Extremisten wollen uns spalten, uns gegeneinander aufhetzen. Doch wir dürfen ihnen nicht die Macht über unsere Gedanken und unsere Herzen geben.

Unsere Demokratie ist nicht am Ende! Sie ist lebendig, sie ist stark und sie ist widerstandsfähig. Aber sie lebt nur durch uns. Durch unser Engagement, durch unser Zusammenhalten.

Und sie braucht uns alle. Wie unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesagt hat: „Wir stehen zu unserer Demokratie. Wir verteidigen dieses Deutschland und wir lassen uns dieses Land nicht von extremistischen Rattenfängern kaputt machen“.

Liebe Schwürbitzer und Schwürbitzerinnen.
Warum habe ich heute dieses Thema gewählt? Der Volkstrauertag ist für mich nicht nur ein Tag des Erinnerns und Gedenkens an die Millionen Toten und die Grausamkeiten des Krieges. Dieser Tag gilt für mich auch als Aufgabe an uns alle, unsere Demokratie zu schützen und zu bewahren.

Für mich gibt es keine Alternative zur Demokratie, wenn wir eine Gesellschaft wollen, die auf Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit aufgebaut ist. Wir müssen uns wieder mehr aufeinander einlassen. Schauen Sie auf Ihre Familien, Ihre Freunde, Ihre Nachbarn. Reden Sie miteinander, hören Sie einander zu.

Vertrauen Sie einander, statt auf die destruktiven Stimmen zu hören, die uns nur eins sagen: dass alles schlecht ist, dass nichts mehr funktioniert.
Diese Schwarzmalerei ist Gift für unsere Gesellschaft. Sie fördert Ängste, sie schürt Hass. Aber Angst ist der schlechteste Ratgeber. Wie schon Franklin D. Roosevelt sagte: „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“

Es ist leicht, sich in Lamentieren zu verlieren. Es ist leicht, nur auf die Fehler zu schauen. Aber das bringt uns nicht weiter. Wir brauchen Menschen, die anpacken. Menschen, die Verantwortung übernehmen und nicht nur fordern. Menschen, die bereit sind, für ihre Überzeugungen einzustehen und die Demokratie aktiv zu gestalten.

Es gibt keine einfachen Lösungen für die Probleme, vor denen wir stehen. Aber es gibt Lösungen: Zusammenhalt, Dialog, Verantwortung. Lassen Sie uns nicht auf die destruktiven Kräfte hören, die uns spalten wollen. Lassen Sie uns laut sein – laut für die Demokratie, laut für den Frieden, laut für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft und laut für eine bessere Zukunft.

Ja, wir leben in schwierigen Zeiten, aber wir dürfen den Mut nicht verlieren. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind groß, doch wir sind größer. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es,“ sagte Erich Kästner.

Lassen Sie uns also nicht auf die schlechten Nachrichten starren. Lassen Sie uns etwas tun, lassen Sie uns handeln, denn unsere Zukunft liegt in unseren Händen. Vertrauen wir auf uns selbst, auf unsere Demokratie und aufeinander.

Vielen Dank.

Ich möchte mich ganz herzlich bei beiden Pfarrern, den Mitarbeitern der Kirchen, der Blaskapelle Schwürbitz, dem Männergesangsverein Cäcilia, der Soldatenkameradschaft, der Feuerwehr und allen Helfern bedanken. Mein besonderer Dank gilt aber auch Ihnen, den Bürgerinnen und Bürgern, die durch ihre Anwesenheit gezeigt haben, dass sie sich dem Gedanken dieser Veranstaltung gegenüber solidarisch zeigen und ihr dadurch einen entsprechend würdigen Rahmen gegeben haben. Vielen Dank und noch einen ruhigen und friedlichen Sonntag!

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